Menschen mit Lernschwierigkeiten
und das Museum
ODER der Fluch der Definitionen
Einleitung
28 Jahre in der Sozialen Arbeit und meine erworbenen Fertigkeiten als akad. Experte für
Kulturvermittlung motivieren mich, Menschen mit Lernschwierigkeiten museumspädagogische Angebote näherzubringen.
Beide Gewerke (ver)eint eine Vielzahl an oft als Synonyme verwendete Begriffe wie Inklusion, Barrierefreiheit, Partizipation, Interkultur, aber auch Nachhaltigkeit, Geistige Behinderung und einige mehr. Zu Beginn möchte ich über den Begriff “Menschen mit Lernschwierigkeiten” schreiben.

Menschen mit Lernschwierigkeiten:
eine Begriffsbetrachtung
Selbstvertreter*innengruppen und einzelne Verbände von Betroffenen verwenden und fordern für sich die Bezeichnung „Menschen mit Lernschwierigkeiten“ anstelle des bislang üblichen Terminus “Geistige Behinderung”.
Die Problematik dieser Begrifflichkeit ist augenscheinlich, sie wird nicht nur von den Betroffenen als abwertend wahrgenommen. Der Begriff „Menschen mit Lernschwierigkeiten“ umfasst auch Personen mit Lernbehinderung und funktionale Analphabeten. Ich verwende ihn auf meiner Homepage.
Kulturelle Teilhabe ermöglichen
Menschen mit Lernschwierigkeiten sind keine homogene Zielgruppe. Verschiedenste Ausprägungen und Erscheinungsformen mit den unterschiedlichsten Bedürfnissen, oftmals auch multiple Beeinträchtigungen wie dauerhafte Mobilitätsprobleme und Schwierigkeiten beim Sehen und/oder Sprechen bestimmen den Alltag der Personen und machen sie individuell. Für die Kulturvermittler*innen vor Ort stellt sich die Frage, wie kulturelle Teilhabe ermöglicht und der Museumsbesuch zum Erlebnis und Genuss gemacht werden kann. Denn Menschen mit Lernschwierigkeiten oder einer Lernbehinderung, funktionale Analphabeten, Menschen mit geistiger Behinderung, Personen mit mehrfacher Behinderung und unterschiedlichsten Bedürfnissen, sie alle eint der mutmaßlich hohe Nichtbesucher*innenanteil.
Museumsbesuche ohne festgelegte Zielvorstellungen
Für meine Ausstellungsbesuche, Vermittlungsprogramme und Museumsgespräche möchte ich keine festgelegten Ziele formulieren. Es geht mir primär nicht darum, dass am Ende unseres gemeinsamen Besuchs bestimmtes Wissen oder Fähigkeiten „erlernt“ wurden. Ziel ist es, Teilhabe an Freizeit, Genuss und Bildung zu ermöglichen. Miteinander und doch individuell, mit Achtsamkeit und Langsamkeit, mit einem persönlichen, auch sensorischen Gespräch von Mensch zu Mensch.
Inklusion und die Praxis
Die Idealvariante, sowohl der Ausstellungen als auch der Vermittlungsprogramme, wäre die dass sie von allen Gästen gleichberechtigt genutzt werden können. Unabhängig ihrer ethnischen oder sozialen Herkunft, ihres Geschlechts, Alters oder ihrer kognitiven Fähigkeiten.
Der museale Ansatz
Integration versus Inklusion
Die bisherigen musealen Ansätze konzentrieren sich zumeist auf die Herstellung von Barrierefreiheit und spezifischen Angeboten für Zielgruppen mit ihren jeweiligen Bedürfnissen.
Sie tragen durch diese Erweiterung kultureller Angebote zur Verbesserung der Integration bei, doch können sie dem Inklusionsgedanken aufgrund ihres isolierenden Charakters nur bedingt gerecht werden. Indem sie die Besucher*innen langsam an das vielleicht ungewohnte Umfeld Museum heranführen, unterstützen sie dennoch die Inklusion auf indirektem Wege.

Programme für Neueinsteiger*innen
Wie oben bereits erwähnt, möchte ich keine festgelegten Ziele formulieren. Sehr wohl aber habe ich im Hintergrund ein Vermittlungskonzept. Besonders für die Begleitung von Menschen mit Lernschwierigkeiten, die bisher noch nie in einem Museum waren, ist dies ratsam.
So kann ich mit der nötigen Sicherheit, Ruhe und ohne Druck die Neueinsteiger*innen an das jeweilige Haus und ihre Inhalte heranführen. Bei mehreren Besuchen in musealen Einrichtungen steigert eine konstante Bezugsperson – also ich ? – das Wohlbefinden einer Gruppe.
Gruppenbildung und Inklusion
Meine Museumsgespräche möchte ich in Kleingruppen mit maximal vier Personen anbieten. Aufgrund der zu erwartenden Heterogenität wird es auch interessant, wie sich die Teilnehmer*innen zusammensetzen. Handelt es sich um eine freiwillige Teilnahme? Erfolgte die Anmeldung durch eine Betreuungsperson? Kommt eine bereits bestehende Gruppe (aus einer Werkstatt oder einem Wohnverbund)?
Besonders im Hinblick auf den Inklusionsgedanken empfiehlt sich eine selbstbestimmte und freiwillige Teilnahme.
Museumsbesuche als Eintritt in den öffentlichen Raum
Mit einem Museumsaufenthalt erleben die teilnehmenden Personen nicht nur künstlerische und kreative Erfahrungen, sondern sie betreten auch den sogenannten öffentlichen Raum. Der Umgang mit und das Verhalten in solchen öffentlichen Einrichtungen fördert das Selbstbewusstsein. Die Orientierung in der Stadt und die Nutzung öffentlicher Verkehrsmittel sind Training der Selbstständigkeit und dadurch ebenfalls positive Aspekte des Besuches im Museum.


